am 28.02.2017

So süß schmeckt das zweite Gold

Johannes Rydzek in perfekter Flughaltung

Der Oberstdorfer Johannes Rydzek gewinnt nach dem Einzel- auch den Teamwettbewerb.

Diese Frage musste ja kommen. „Glauben Sie, Herr Rydzek, dass die deutsche Dominanz der Sportart auf Dauer schaden könnte?“, wollte ein norwegischer Reporter wissen. Und zwar nicht nach dem souveränen Gold in der Staffel, sondern bereits als mit Rydzek, Eric Frenzel und Björn Kircheisen gleich drei DSV-Kombinierer am Rednerpult Platz genommen hatten.

Der 25-jährige Oberstdorfer rechnete im Überschwang der Gefühle nicht mit einer solch kritischen Frage – und antwortete nach einigen Momenten des Überlegens diplomatisch: „Im Sport gibt es immer Höhen und Tiefen. Ich bin sicher, dass sich die Zeiten wieder ändern werden.“ Die Kombination werde an der deutschen Überlegenheit sicher nicht kaputtgehen, beruhigte
Rydzek den Reporter – und die anderen 16 Nationen, die derzeit nur mit großen Augen und großem Abstand auf die Deutschen schauen. Seit gestern steht fest: Der Prozess des Wandels wird noch etwas dauern. Die DSV-Kombinierer bleiben die „Dominierer“. Den Mannschaftswettkampf von der Normalschanze gewann das DSV-Quartett in der Besetzung Rydzek, Frenzel, Kircheisen und Rießle mit großem Abstand vor Norwegen (41 Sekunden zurück) und Österreich (1:03 Minuten) und wiederholte damit den Triumph von der letzten WM 2015 im schwedischen Falun. Als eine halbe Stunde nach Zielankunft die Nationalhymne verklungen war und die fantastischen Vier mit ihren Trainern und Betreuern noch im Stadion feiern wollten, kam der Stadionmanager, riss Rydzek am Trikot zurück und verwies ihn zu den Interviews in die Mixedzone. Vielleicht kann der finnische Funktionär ja am Ende dieser WM behaupten, er sei der einzige gewesen, der Rydzek bremsen konnte.

Die Geschichte des Wettkampfes liest sich weit weniger spannend. Frenzel sprang am weitesten (100 Meter), Rießle und Rydzek sorgten mit 97 bzw. 96,5 Meter dahinter wieder für das übliche Bild mit den drei deutschen Flaggen auf den ersten drei Plätzen. „Gähn“, stöhnte ein Trainer aus Österreich. Um die 44 Sekunden Vorsprung in der Loipe zu verteidigen, musste das DSV-Quartett trotz Neuschnees nur seinen Stiefel herunterlaufen. Rydzek schnappte sich die Flagge, überquerte mit weit aufgerissenem Mund die Ziellinie und ließ sich als erstes von Björn Kircheisen in die Arme nehmen.

„Kirche gönnen wir den Titel ganz besonders“, sagte der Doppelweltmeister aus Oberstdorf. Der 33-jährige Sachse wurde in den letzten Jahren immer wieder als „Silbereisen“ verspottet. Von sieben Weltmeisterschaften und vier Olympischen Spielen brachte der Bundespolizist aus dem Erzgebirge elf Silber- und drei Bronzemedaillen mit nach Hause. Aber eben nie Gold. In den vergangenen beiden Wintern war er weit von der Weltspitze entfernt, drohte den Anschluss mit seinen 33 Jahren komplett zu verlieren. Doch Kircheisen erfand sich neu. Er wechselte vor der Saison die Skimarke, speckte vier Kilo ab (bei 1,87 Meter Größe wiegt Kircheisen nur 61 Kilo) und arbeitete an seiner Psyche und Einstellung zum Sport. „Er ist ein neuer Mensch geworden“, sagte sein langjähriger Heimtrainer Uwe Schuricht vor der WM der Freien Presse .

„Endlich habe ich dieses Gold“, fiel Kircheisen ein großer Stein vom Herzen, „es ist etwas Besonderes, in so einem starken Team dabeisein zu dürfen.“ Rydzek, der seinen vierten WM-Titel gewann und damit mit Ronny Ackermann und Eric Frenzel gleichzog, suchte nach Worten: „Unglaublich, heute ist wieder so ein besonderer Tag, an dem alles gepasst hat.“ Satt sind die deutschen Kombinierer noch nicht. Am Mittwoch geht es im Einzel auf die Großschanze, am Freitag könnten Rydzek und Frenzel mit einer weiteren Goldmedaille im Teamsprint die Erfolgsgeschichte krönen. Ob der Journalistenkollege aus Skandinavien dann überhaupt noch zur Pressekonferenz der Deutschen erscheint, ist fraglich.